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SF224 Die fünf Herausforderungen

| Burkhard Bensmann

Selbstführung in unsicheren Zeiten

Stellen Sie sich vor: Sie öffnen morgens Ihr Postfach – 40 ungelesene Mails, dazwischen drei WhatsApp-Gruppen und die Schlagzeilen des Tages, die schon vor acht Uhr für Unruhe sorgen. Und obwohl Sie den ganzen Tag reagieren, haben Sie am Abend das Gefühl, im Rückstand zu sein.
Kommt Ihnen das bekannt vor?
Oder diese Situation: Der Vorstand erwartet von Ihnen eine überzeugende KI-Strategie – aber im Grunde haben Sie selbst kaum Zeit gehabt, die Tools wirklich zu verstehen, geschweige denn in Ruhe darüber nachzudenken, was davon wirklich zu Ihrem Unternehmen passt.

Willkommen zu einer neuen Episode meines Podcasts Selbstführung und Leadership Development. Mein Name ist Dr. Burkhard Bensmann und ich begleite Führungskräfte, vor allem in Veränderungssituationen.

Ich habe zur Jahreswende ein neues, sehr kompaktes Buch auf Englisch geschrieben: „Lead Yourself in a Crazy World: Practical Self-Leadership for CEOs, Entrepreneurs, and Public Leaders“. Der Anlass war für mich ganz einfach: In meinen Coaching-Gesprächen mit Vorständen, Geschäftsführern und Inhabern begegnen mir seit einiger Zeit immer wieder dieselben fünf Muster – unabhängig von Branche, Unternehmensgröße oder Persönlichkeit. Diese fünf Muster habe ich im Buch herausgearbeitet, und genau darum soll es in der heutigen Episode gehen.
Bevor ich einsteige, kurz zur Einordnung: Wir leben in einer Zeit, die von drei Kräften gleichzeitig geprägt ist – Beschleunigung, Fragmentierung und Unberechenbarkeit. Das ist keine bloße Behauptung. Der aktuelle „2026 View from the C-Suite“-Report von LHH, eine Befragung von mehr als 2.500 Unternehmen weltweit, zeichnet ein zweigeteiltes Bild: Die Fluktuation in Führungsteams ist deutlich zurückgegangen – von 43 Prozent im Vorjahr auf 19 Prozent (LHH, link LHH Report). Doch fast zwei Fünftel der Führungskräfte berichten weiterhin von Burnout-Symptomen (LHH, link LHH Report , LHH ist ein Beratungsunternehmen und Teil der ADECCO Group), und der Umgang mit Künstlicher Intelligenz ist binnen eines Jahres zur größten Kompetenzlücke in Führungsteams aufgestiegen – 49 Prozent nennen KI und neue Technologien inzwischen als Top-Priorität. Und der Edelman Trust Barometer 2024 bestätigt, was viele von uns ohnehin spüren: das Vertrauen in Institutionen sinkt weiter (link download Report). Vor diesem Hintergrund sind die fünf Herausforderungen, über die ich jetzt spreche, kein akademisches Konstrukt, sondern das, was mir Woche für Woche in meiner Praxis begegnet.

Wenn Sie tiefer in einzelne Aspekte einsteigen möchten, habe ich dazu bereits eigene Episoden veröffentlicht – etwa SF216 Fokus statt Dauerstress (Podcast-Episode SF216), die sich intensiver mit dem ersten Baustein befasst, den ich Ihnen gleich vorstelle. Heute geht es mir darum, Ihnen die fünf Herausforderungen im Zusammenhang zu zeigen. Fangen wir an.

Erste Herausforderung: Schützen Sie Ihren Geist

Die erste Herausforderung betrifft das Informationschaos unserer Zeit – und die wachsende Bedrohung durch Deepfakes. Wir alle kennen dieses Gefühl: E-Mails, Nachrichten, Schlagzeilen, alles gleichzeitig, alles scheinbar wichtig. Und zunehmend wissen wir nicht mehr sicher, was echt ist und was manipuliert. Zur Einordnung eine Zahl, die mich selbst überrascht hat: Laut einer Untersuchung von Sumsub (link Sumsub Untersuchung) stieg die Zahl erkannter Deepfakes von 2022 auf 2023 weltweit um das Zehnfache – in Nordamerika sogar um über 1.700 Prozent. Und ich wette: dieses Jahr erleben wir Höchststände an deepfakes (Beispiel IONOS).

Meine Kernaussage dazu: Aufmerksamkeit ist heute eine strategische Ressource, die Sie bewusst schützen müssen – ebenso wichtig wie Kapital oder Zeit. Es geht darum, einen funktionierenden Vertrauensfilter zu entwickeln, der Sie handlungsfähig hält, ohne dass Sie jede Information einzeln verifizieren müssen.
Ein Impuls, den Sie sofort umsetzen können: Legen Sie zwei feste Zeitfenster am Tag für E-Mails und Nachrichten fest – statt in ständiger Reaktionsbereitschaft zu leben.

Zweite Herausforderung: Digitalisierung bewusst nutzen

Die zweite Herausforderung ist der Umgang mit Künstlicher Intelligenz und den damit verbundenen Cyber-Risiken im Alltag. Viele Führungskräfte, mit denen ich arbeite, erleben genau das Dilemma, das ich eingangs beschrieben habe: Sie sollen eine KI-Strategie vorantreiben, ohne selbst die nötige Zeit oder Tiefe zu haben, die Tools wirklich zu durchdringen. In jeder zweiten meiner Coaching-Sessions ist der persönliche Umgang mit KI Thema.
Meine Kernaussage: Werden Sie ein bewusster Partner der Maschinen. Fallen Sie nicht in Extreme, also z.B. mit Feuereifer bereits Ihre Kollegen zu nerven oder die Rolle eines strikten Verweigerers einzunehmen.
Praktisch bedeutet das: klären Sie Ihre persönliche KI-Haltung anhand einer Verkehrsampel:
Wo unterstützt KI Ihr Denken – das wäre Grün?
Wo testen Sie vorsichtig – Gelb?
Und wo bleibt eine Entscheidung bewusst menschlich, etwa bei sensiblem Feedback oder wertebasierten Fragen – Rot?
Ein Impuls: Definieren Sie ein minimales „Tech-Cockpit“ aus zwei bis drei Kern-Tools, die Sie wirklich verstehen und konsequent nutzen – statt ständig neue Anwendungen auszuprobieren, ohne eine davon wirklich zu meistern.

Dritte Herausforderung: Ruhe bewahren im Sturm

Die dritte Herausforderung ist der Umgang mit einer Welt, die sich in einer Art Dauerkrise befindet – Fachleute sprechen inzwischen von „Polykrise“. Ich höre häufiger CEOs oder Geschäftsführern, dass deren Unternehmen – oder Aufsichtsrat – einen klaren, detaillierten Mehrjahresplan zur Einführung von KI fordert, der aber schlichtweg nicht zu leisten ist und der auch nicht realistisch sein kann.
Meine Kernaussage dazu: Unterscheiden Sie konsequent zwischen dem, was Sie beeinflussen können, und dem, was Sie nur beschäftigt. Eine klare Mission bildet Ihre Grundlage und eine ausgearbeitete, dennoch flexible Vision wirkt dabei wie ein Kompass, der auch bei wechselndem Kurs die Richtung hält. Und noch ein Aspekt: Relevanzkompetenz – also die Fähigkeit, aus der Fülle das wirklich Wichtige zu erkennen – wird zur Schlüsselqualifikation. Ich habe mich mit diesem besonderen Skill detailliert in der Podcast-Episode SF210 “Relevanz erkennen” auseinandergesetzt (Podcast-Episode SF210).
Ein Impuls dazu, den ich empfehle: Nehmen Sie ein Blatt Papier mit drei Spalten:
– Ihre aktuellen Herausforderungen, eingeordnet in die Spalte links, “von mir direkt beeinflussbar” oder
– in die mittlere Spalte “von mir indirekt beeinflussbar”, oder
– in die dritte Spalte: “von mir nicht beeinflussbar”

Vierte Herausforderung: Geerdet bleiben

Die vierte Herausforderung betrifft eine zunehmend polarisierte und gereizte Umgebung. Ich kenne den Fall eines Bürgermeisters, der sein Amt aufgab – nicht wegen der inhaltlichen Aufgaben, sondern wegen der toxischen Debattenkultur, die ihn Tag für Tag erschöpfte.
Meine Kernaussage: Definieren Sie Ihre eigene Haltungslinie – klar genug, dass Sie wissen, wo Sie stehen, aber offen genug, um im Gespräch zu bleiben. Trainieren Sie innere Distanz zu Empörungsdynamiken, ohne gleichgültig zu werden. Und kommunizieren Sie auch unter Druck respektvoll und klar – das ist heute eine Führungskompetenz, die vielfach schwach ausgeprägt ist.
Der Impuls: Nehmen Sie sich fünf Minuten Zeit und schreiben Sie sich Ihre persönlichen „Leitplanken des Handelns“ auf eine Karteikarte oder in eine Notiz – drei kurze Sätze reichen:

  • Wofür stehe ich ein, auch wenn Gegenwind kommt? Zum Beispiel: „Ich vertrete faktenbasierte Entscheidungen auch bei Widerstand.”
  • Wo ziehe ich eine klare Grenze – was werde ich nicht mittragen? Zum Beispiel: „Ich beteilige mich nicht an der Abwertung einzelner Personen.”
  • Wie bleibe ich im Ton, selbst wenn die Debatte hitzig wird? Zum Beispiel: „Ich stelle eine Rückfrage, bevor ich widerspreche.”

Legen Sie sich diese Karte griffbereit – im Notizbuch, als Erinnerung im Kalender vor kritischen Terminen, oder als Notiz auf dem Handy.
Der Wert liegt nicht im perfekten Wortlaut, sondern darin, dass Sie im Moment der Zuspitzung nicht neu nachdenken müssen, sondern auf etwas zurückgreifen, das Sie vorher in Ruhe formuliert haben.

Fünfte Herausforderung: Für sich sorgen

Die fünfte und letzte Herausforderung ist vielleicht die unterschätzteste: der Umgang mit der schleichenden Erschöpfung, die mit hoher Verantwortung einhergeht – und die nach außen oft lange unsichtbar bleibt.

Meine Kernaussage: Körper, Seele und Geist sind das Fundament jeder Selbstwirksamkeit – das ist eines der Sieben Felder der Selbstführung, die ich seit 2009 entwickle und die auf wissenschaftlicher Forschung sowie über 150 persönlichen Interviews mit Führungskräften beruhen.
Hier spielt auch Muße eine Rolle – Mut zur Muße ist keine Schwäche, sondern eine bewusste Führungsentscheidung – gerade in einer Kultur, die Dauerbeschäftigung fast wie ein Statussymbol behandelt.
Der Impuls: Wählen Sie eine körperliche Routine, die auch an einem wirklich stressigen Tag noch trägt – nicht die perfekte Routine für gute Tage, sondern die verlässliche Routine für schlechte und herausfordernde Tage.

Fazit: Fünf Symptome, ein Zusammenhang

Wenn Sie sich diese fünf Herausforderungen noch einmal vor Augen führen – Informationschaos, KI-Druck, Unsicherheit, Polarisierung und Erschöpfung – dann zeigt dies: die Welt ist schneller, fragmentierter und unberechenbarer geworden, als die meisten Führungsmodelle es erfassen können.

Und genau deshalb reicht es nicht, jede dieser Herausforderungen isoliert zu behandeln. Es braucht eine Grundhaltung der Selbstführung, die all das trägt.

In der nächsten Episode gehe ich einen Schritt weiter und schaue mir an, was diese Dauerbelastung ganz konkret mit Führungskräften macht – bis hin zur Frage, wie aktuelle Studien die Auswirkungen von Künstlicher Intelligenz auf Führungsrollen selbst einschätzen. Das wird, das kann ich Ihnen schon jetzt sagen, einige von Ihnen überraschen.

Werden Sie aktiv!

Wenn Sie tiefer in diese fünf Herausforderungen einsteigen möchten – mit konkreten Werkzeugen, Reflexionsfragen und einem kompakten Selbstführungs-Toolkit für jede einzelne davon – dann empfehle ich Ihnen mein neues, sehr kompaktes englisches Buch: „Lead Yourself in a Crazy World: Practical Self-Leadership for CEOs, Entrepreneurs, and Public Leaders“. Sie finden es bei Amazon als E-Book und als Print – hier der Link: Amazon. Ich lege ihn auch in die Shownotes.

Soweit die heutige Folge zu den fünf Herausforderungen der Selbstführung in unsicheren Zeiten. Wenn Sie die Inhalte wertvoll fanden, teilen Sie die Episode gern mit jemandem aus Ihrem Umfeld, der sich gerade in einer ähnlichen Situation befindet. Und wenn Sie aktive Unterstützung wünschen, kontaktieren Sie mich über meine Website. Ich wünsche Ihnen eine wirksame Zeit, Ihr Burkhard Bensmann.


Das kompakte neue Buch

„Lead Yourself in a Crazy World“

Bezug über Amazon als Print- und E-Book: Amazon


Musik im Vor- und Nachspann

by Joakim Karud http://soundcloud.com/joakimkarud

Burkhard Bensmann

Meine Philosophie

„Nur wer sich selbst führen kann, sollte auch andere führen dürfen.“
Sind Sie bereit, Ihr Führungspotential freizusetzen? Lassen Sie uns gemeinsam Ihre Fähigkeiten speziell in der Selbstführung entwickeln.